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„Unser Handeln hat Konsequenzen“

Die Evangelische Jugend Edewecht möchte zu einem Zukunftskongress zum Thema Nachhaltigkeit einladen.  Diakon Volker Austein hat sich in einem Interview mit dem Edewechter Gemeindebrief „Kark un Lüe“ zu der Idee dieser Veranstaltung geäußert, die ursprünglich bereits in den Sommerferien stattfinden sollte, nun aber wahrscheinlich im Herbst nachgeholt wird. Das Interview ist in diesen Tagen in der „Kark un Lüe“ erschienen.

Kark un Lüe: Warum will die Ev. Jugend diesen Zukunftskongress veranstalten?

Volker Austein: Die Idee zum Zukunftskongress entstand in einem Gespräch mit Sebastian Georg, dem Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Jugend. Er hat gefordert, dass sich Evangelische Jugendarbeit auch in politische Fragen einmischt, und moniert, dass zu wenig tatsächlich praktisch umgesetzt wird. Darum haben wir zu dem Kongress eingeladen, alle jungen Leute, die das Bedürfnis haben, dass man vom Reden dazu kommt tatsächlich auch mal Dinge umzusetzen.

Wir sind nicht sicher, ob es nicht in der Jugendarbeit so ist, dass man für alles Gute ist, solange es einen keine Arbeit kostet. Aber man möchte eben ein guter Mensch sein, man tut keinem weh, man ist ein bisschen Vegetarier, man ist ein bisschen fair, man ist natürlich kein Energieverschwender, aber man ist eben auch mal gerne Tourist, der Zeit in Neuseeland verbringen will und vergisst an der Stelle zu fragen, was hat das eigentlich mit der Zukunft der Erde zu tun?

Euer Thema ist also auch, in Wunden herumzubohren und diesen Widerspruch deutlich zu machen?

Das wäre mein Ding als Älterer, aber Sebastian und auch Geeske Martens, die wir dann noch dazu geholt haben, die sind da weniger bissig als ich. Aber uns alle vereint, dass wir den Wunsch nach einer geänderten Praxis haben.

Ich denke, dass wir mit dem Wort Zukunftskongress die Latte ziemlich hoch hängen. Ich möchte deutlich machen, dass Arbeit für die Zukunft auch Arbeit ist. Wir haben uns zwar auch gefreut auf ein nettes Zusammensein, gemeinsam Essen und Trinken, uns unterhalten, Geschichten erzählen. Aber wenn du dich für die Zukunft einsetzen willst, dann geht das nicht eben mal bei einer Tasse Kaffee, sondern dann bedeutet das auch eine intellektuelle und zeitliche Anstrengung.

Wir sind hier in Edewecht nach meiner Wahrnehmung auch in einer Art „Zukunftslabor“: Die Themen Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit tauchen in den letzten 20 Jahren wie ein roter Faden an verschiedenen Stellen auf. Was waren die Beweggründe?

Ich bin schon angepiekst von Bremerhaven hierher gekommen und habe hier eine Reihe von Leuten getroffen, die mit derselben Thematik, also Eine Welt, Frieden, Energie, Atomkraft befasst waren und in dieser Kirchengemeinde gearbeitet haben.

Wir haben immer versucht hier auch konkret Sachen zu machen. Wir haben versucht, das umweltfreundliche Büro voranzubringen, also Recyclingpapier in Einsatz zu bringen, was bis heute nicht einfach ist. Wir haben als eine der ersten Kirchengemeinden im Oldenburger Land eine Photovoltaikanlage aufs Dach bekommen. Aber wir sind immer spät, die Nichtkirchlichen sind schon längst aktiv gewesen, und wir als Kirchengemeinde kommen hinterher. Das Thema hatten wir schon länger auf der Tagesordnung, aber bis die Gremien sich entschieden haben, bis die Jugendlichen dann auch den entsprechenden Druck gemacht haben, vergeht Zeit.

Wir haben uns eingesetzt für ein Erdgas-Auto für die Kirchengemeinde, wir haben versucht, bei den Freizeitmaßnahmen darauf zu achten, dass wir ökologisches Reisen besonders fördern. Dass der Landkreis Ammerland bei Jugendfreizeiten umweltfreundliches Reisen höher bezuschusst, wofür er sogar einmal eine Auszeichnung des Landesjugendringes Niedersachsen bekommen hat – das ist einmal im Rat der Evangelischen Jugend entstanden.

Das heißt, der Reiz dieser Beschäftigung mit den Themen war auch immer auch eine Erdung in der Praxis, angebunden an ganz konkrete Projekte.

Und an Gespräche mit Jugendlichen. Ich habe da zwei junge Leute vor Augen, mit denen ich jetzt eine Ferienpassaktion gemacht habe: die eine ist bei Greenpeace in Oldenburg tätig, die andere bei Amnesty International. Und ich denke mir, warum ist nicht in der evangelischen Jugendarbeit der Platz, solche Fragen zu behandeln, warum müssen diese jungen Leute nah Oldenburg fahren, um Gleichgesinnte zu finden? Warum setzen wir uns nicht in den Gremien der Jugendarbeit entsprechend ein? Wir wollen Amnesty nicht ersetzen, aber wenn wir zusammenarbeiten würden, könnten wir doch bestimmte Aktionen für politische Gefangene mit einfachen Mitteln unterstützen. Warum ist das nicht so? Oder warum ist bei uns noch nicht zu Ende diskutiert, dass wir Kraft-Wärme-Kopplung bei uns im Gemeindehaus nutzen? Warum muss so etwas so lange vorbereitet werden?

Du hast die Vernetzung angesprochen. Kannst du deren Bedeutung für diese Zukunftsprojekte benennen?

Ich profitiere von den Fachkenntnissen der anderen. Ich sehe mich mehr als jemand, der nicht über die vertieften Kenntnisse verfügt, aber weiß, wo er Spezialisten findet, z.B. zum Thema Eine Welt, oder wie er Kontakt zur Schutzgemeinschaft Vehnemoor bekommt, zu Leuten, die sich mit alternativer Energie befassen, oder auch wenn es um Fragen der Ernährung geht. Da haben wir schon vor langer Zeit Kontakt gehabt zu Hauswirtschafterinnen, die uns gezeigt haben, wie man fleischarm kochen kann. Der RdEJ war auch mal auf einem Biolandhof und hat sich erklären lassen, warum das so gemacht wird. Oder wir waren im Umweltbildungszentrum Rostrup. Wir hatten auch Leute vom BUND bei unseren Freizeiten dabei, und die haben sich tatsächlich eine Woche Zeit genommen und haben mit den Kindern Fragen der Umwelt thematisiert. Durch die Ev. Jugend Bad Gandersheim haben wir uns mit den Kinder von Tschernobyl befasst, mit dem Problem der Verstrahlung dort. Das sind alles Dinge, da muss ich nicht genau alles wissen, aber ich kann Begegnung herstellen.

Wie gelingt es, Jugendliche für diese Themen zu begeistern?

Diese Begegnung spielt eine große Rolle. Im letzten Jahr haben wir uns in einem Seminar mit Fragen der Atomkraft beschäftigt. In der Folge waren Leute von uns mit der Evangelischen Studierendengemeinde bei den Protesten gegen die Castor-Transporte aktiv. Da gab es Diskussionen vorher, ist das nicht zu gefährlich? Es gab Berichte hinterher, beim Gemeindefest gab es eine kleine Demonstration. Oder zum Thema Integration, da hatten wir eine Begegnung mit Afrikanern, die als Flüchtlinge in Deutschland leben. Es treffen immer Leute aufeinander, die auch was erzählen, und ich glaube, dass dieses Gefühl eine Rolle spielt: wir erleben da ein klein wenig etwas Besonderes.

Gemeindefest 2010: Protestaktion gegen Atomkraft

Uns ist aber auch wichtig zu sagen: Hier ist nicht jeder gegen Atomkraft, nicht jeder Vegetarier, nicht jeder für den fairen Handel. Aber wir sagen nicht, es ist egal, jeder hat eben seine Meinung. Unser Handeln, was wir tun und lassen, hat Konsequenzen auch für meinen Mitmenschen. Die Gespräche sollten im besten Fall dazu führen, dass man seine besten Argumente und Gedanken zusammenträgt, um den anderen zu überzeugen und dann vielleicht zu einer menschenfreundlicheren Praxis zu kommen.

Wo siehst du die Entwicklung in der kirchlichen Jugendarbeit, in der Kirchengemeinde, wo siehst du deine eigenen Akzente?

Thematisch sind wir zur Zeit bei der Ernährung. Weil wir bei den Freizeiten meistens selber kochen, haben wir die Chance, die Folgen der Ernährung zu thematisieren. Wir können auch mit wenig Geld eine hochwertige Ernährung schaffen. Mit großen Anteilen von Bionahrung, mit fair gehandeltem Kaffee und Tee. Das ist eine Frage der Organisation – nachhaltiges Handeln muss immer wieder neu erarbeitet werden.

Ich glaube, wir müssen in den Kirchengemeinden auch mit Zahlen arbeiten. Wir müssen Rechenschaft abgeben, dass die Menschen, die ins Gemeindehaus, in die Kirche kommen, auch begreifen, wieviel haben wir verbraucht an Energie, damit man die Chance auch sieht, Energie einzusparen. Ich vermute, der Klimawandel wird uns auch einige Sachen aufdiktieren.

Die Frage ist, was hat das mit dem Glauben zu tun? Wenn ich pessimistisch bin, ist das kein Zeichen von Unglauben. Ich kann mir christlichen Glauben nicht so vorstellen, dass er auf Dummheit aufbaut. Ich gebe gern das Beispiel von der Versuchungsgeschichte, als Jesus aufgefordert wird, sich von der Klippe zu stürzen, weil die Engel ihn schon auffangen werden – es gibt Dinge, die tut man einfach nicht, weil sie dumm sind. Und dass wir in vieler Hinsicht dumm handeln, wenn wir zum Beispiel beim Autofahren anderthalb Tonnen in Bewegung bringen, um unsere 70 bis 80 Kilo ein paar Kilometer voranzubringen, und diskutieren noch darüber, ob man diese 1,5 oder 2 Tonnen noch besonders ausrüsten muss, anstatt den öffentlichen Verkehr voranzubringen – das ist einfach dumm, das bleibt dumm, und dass wir darüber überhaupt diskutieren müssen, ist peinlich. Also, Glaube hat nichts mit Dummheit zu tun. Ich glaube, und das ist auch meine Hoffnung, dass das, was vernünftig ist, auch segensreich sein kann. Dann entstehen Dinge, dann fangen Pflänzlein an zu blühen, mit denen wir vorher nicht gerechnet haben. Aber auf keinen Fall Dummheit …

Das Gespräch führte Uwe Martens. Das Interview kann auch in voller Länge (28 Minuten) auf der Webseite des Edewechter Gemeindebriefes angehört werden.

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